Esragül Schönast - Eine kleine Geschichte über mich und meine Welt ...

Mein Name ist meine Geschichte

Esragül Schönast

Komm setz dich und nimm ein Çay. Heute möchte ich von ein paar ganz persönlichen Erlebnissen aus meiner Geschichte erzählen …

Mein Name ist Esragül Schönast. Dabei ist Schönast eine Übersetzung meines Familiennamens. Sozusagen mein Künstlername. Wieso, weshalb ich mich dazu entschieden habe, hat verschiedene Gründe. Sehr viele Gründe… Doch im Endeffekt war es eine bewusste Entscheidung und ich denke eine gute Wahl.

Denn …

Man kann es vielleicht herauslesen der Name ist türkischen und arabischen Ursprungs. Esra ist arabisch und Gül ist türkisch. Schönast ist deutsch. (: Ich bin geboren in einem wunderschönen Land, in einem seiner schönen Gebiete in Baden-Württemberg.

Ich bin in eine Familie geboren, wo wir türkisch gesprochen, türkisch gegessen und türkisch gelebt haben. Ich habe eine wunderschöne Sprache gelernt, habe tolles Essen genossen und regelmäßig ein wundervolles Land an dessen Schwarzmeerküste besucht . Ein Traum von Landschaft. Ein Traum von Urlaub – immer wieder. Ich habe langsam gelernt mich an zwei Orten dieser Welt Zuhause zu fühlen. Der Urlaub war nicht nur ein Urlaub. Er war regelrecht ein zweites Zuhause, eine zweite Heimat. Mit Oma und Opa. Mit Tante und Onkel. Mit Leben mal ganz anders. Lebendiger, lauter und heißer.

Dann wurde ich ein paar Jahre älter und mein Umfeld mischte sich mehr und mehr. Mein Leben wurde noch bunter und ich begann reicher und reicher zu werden. Meine erste beste Freundin war Libanesin. Sie sprach Zuhause hauptsächlich libanesisch und ich türkisch. Sie und ich konnten uns aber nur auf einem Weg austauschen und das war die deutsche Sprache. Die deutsche Sprache brachte uns zusammen, ganz gleich wo unsere Familien eigentlich herkamen. Wir spielten auf der deutschen Straße und wir spielten auf deutschen Spielplätzen.

So vergingen freudige Jahre, an die ich immer wieder gerne zurück denke. Vielleicht die ersten und letzten Jahre, in denen es ausschließlich schön war in zwei Ländern zu Hause zu sein und nicht zu realisieren, dass damit auch Probleme verbunden sein könnten… Ach, wie rein und schön ein Kinderherz sein kann. Wie schön und wichtig ist es, Kinder als Vorbild zu nehmen. ♥

Doch in der Schule angekommen fing es so langsam an

Die Schule hatte meinen Vornamen und meinen Nachnamen vertauscht. Bäm ging es los sich anders zu fühlen. Sie kannten sich nicht aus mit türkischen Namen. Nachfragen bei Unwissenheit wurde offensichtlich nicht als so nötig angesehen. So kam es zum ersten Fauxpas und zum ersten Durcheinander. Meine heile Welt, die bisher so reich, so bunt, so vielfältig und so schön verlief, sollte durcheinander geraten. Alle riefen mich beim Nachnamen. Der Lehrer und meine Mitschüler. Ich dachte das ist so in der Schule. Ich dachte Anja, Mark, Daniel.. ich dachte all diese Namen sind die Nachnamen aller. So äußerte ich mich nicht zu dieser Situation.

Bis zu einem Elternsprechtag, wo es meine Mutter wohl wunderte, dass mein Lehrer die ganze Zeit über mich mit dem Nachnamen sprach. Auch sie mit ihrem „Gradsodeutsch“ äußerte sich zunächst nicht dazu. Zuhause fragte sie mich dann, ob ich so genannt werde und nach Aufklärung sagte sie mir, dass ich meinem Lehrer höflich erzählen solle, dass ich Esragül heiße. Nach einigen Monaten wurde ich dann endlich Esragül genannt und wusste Daniel heißt wirklich Daniel. (:

Das ist kein Vorwurf. Das ist nur die erste offizielle Geschichte zum Beginn vieler Traurigkeiten … Mein Lehrer war einer der Besten, an den ich mich nach wie vor sehr gerne erinnere. Ihm war es auch immens unangenehm. Dies sollte vielleicht auch nur eine kleine Vorbereitung auf das Leben in Deutschland als Deutschtürkin werden.

Ich liebe Sprachen. So dass es auch nicht lange dauerte bis ich mich in die deutsche Sprache verliebte und deutsch zu meinem Lieblingsfach wurde. Vielleicht ist auch dies der Grund, warum ich mich schnell mit dem „Deutschsein“ identifizieren konnte. Man fing mehr und mehr an sich die Fragen zu stellen, wer man ist, was man ist. Für mich war’s eigentlich schon immer klar. Du bist Türkin und du bist Deutsche. Du bist reich an Sprachen und Kultur und du bist bunt gemischt. Du magst Çay (türkischen Tee) genauso wie Kaffee. Eigentlich alles cool.

Doch die Realität will mir diese Ansicht nicht lassen

„Wo kommen Sie denn her?“, „Aus dem Odenwald und Sie?“ antworte ich stets unbedacht. Lieber Mensch, der du mir diese Frage stellst, wieso befriedigt dich diese Antwort nicht? Warum willst du wissen, wo meine Eltern herkommen? Warum kannst du nicht verstehen, dass ich einfach aus dem Odenwald komme und dort geboren bin? Ich kann dir gerne erzählen, wo meine Eltern herkommen, welch schönes Land das ist, doch dies ist nicht die Antwort auf deine Frage.

Wieso oh lieber Mensch wunderst du dich, dass ich die deutsche Sprache beherrsche? Ich habe in diesem Land gehen, sprechen, weinen und lachen gelernt. Die Schule abgeschlossen und studiert. Wie sollte das funktionieren, wenn ich die deutsche Sprache nicht beherrschte?

Ich verstehe dich. Du kannst nicht unterscheiden, du bist durcheinander … der Eine beherrscht die Sprache, der Andere wiederum nicht. Allerdings komme ich auch nicht darauf, wenn ich dich sehe nur aufgrund von irgendeinem Körpermerkmal, dich zu fragen wo deine Familie ursprünglich herkam. Ob deine Eltern oder Großeltern vielleicht auch aus Polen, Russland oder Frankreich nach Deutschland gekommen sind? Noch viel weniger wundere ich mich darüber, dass du gutes Deutsch sprichst und beleidige dich auf gewisse Weise damit nicht – denn das tust du; unbemerkt.

Ich frage dich nicht über einen der intimsten Sachen, die es gibt. Nämlich die Beziehung zwischen Gott und Mensch. Wenn ich dich nicht kenne, kann ich dich nicht fragen, wie es in deiner Seele abläuft. Das ist ein intimer, privater Bereich. Ich nehme mir nicht die Freiheit, dich zu fragen, warum du in die Kirche gehst oder nicht gehst oder ob du eine andere Glaubensstätte hast oder nicht hast. Wie sollte mir das zustehen. Das geht mich nichts an, sofern wir uns nicht gerade spezifisch darüber unterhalten. Aber oh lieber Mensch, der du mich nicht kennst und mich über all die Sachen ausfragst, warum fällt es dir so leicht in meinen intimen seelischen Bereich ohne Weiteres einzugreifen. Und noch schlimmer ist es, wenn du es auf eine verurteilende Art und Weise tust. Tu das nicht.

Ich bin ein (welt)offener Mensch, der sich gerne unterhält. Doch an richtigem Ort zu richtiger Zeit. Nehme mich als Mensch wahr und nicht als ein Subjekt, dass in deinem Kopf reflektiert durch Einflüsse vorherrscht. Du kennst mich nicht, so gib‘ nicht vor als tätest du es.

Deutschland, geliebtes Deutschland.

Du kannst eigentlich nichts dafür. Wenn Menschen über Feindlichkeit schimpfen – und ich möchte nicht von Fremdenfeindlichkeit sprechen, denn wer bestimmt wer fremd und wer bekannt ist – schimpfen sie über dich. Aber Deutschland, sie meinen nicht dich. Sie meinen Menschen, die Böses in sich zulassen. Die es zulassen, sich von Vorurteilen und Unwissenheit lenken zu lassen. Die unsensibel und unüberlegt agieren. Sie meinen nicht dich. Du tust dein Bestes. Du ermöglichst Bildung, Freiheit, Rechte, Kultur, Sicherheit und vieles, vieles mehr was dem Herzen und der Seele gut tut. Du hast viele schöne Plätze, an denen wir uns zurückziehen und das Leben in vollen Zügen genießen können. Du hast viele Möglichkeiten, wo Kinder und Jugend sich entfalten können. Kulturelle und berufliche Entfaltungsmöglichkeiten en masse. Wenn man weiß, dass Leben zu genießen, kann man auch sehr gut in deinen Armen glücklich werden.

Auch Menschen, die versperrt und festgefahren in verfehlten Ansichten sind, öffnest du Türen, um sie aufzuklären und weiser zu machen. Deshalb sei uns nicht böse, wenn wir über Deutschland schimpfen, wir meinen nicht dich, wir meinen die Menschen.

Was ich eigentlich sagen möchte …

Ich bin ein Individuum, du bist ein Individuum, er ist ein Individuum und sie ist ein Individuum. Keiner ist dem anderen gleich. Keiner trägt Verantwortung für die Fehler des Anderen. Keiner verdient es wegen Äußerlichkeiten schlecht oder anders behandelt zu werden. Das zu tun, ist eines der größten menschlichen Versagen. Und zu dem ein Zeichen erheblichen Mangels an Bewusstsein, an Intellekt und Geist.

Bedenke hinter jedem Menschen, kann ein wundervoller Schatz stecken. Begeben wir uns auf die Suche nach diesem und heben wir überflüssige und illusionäre Hindernisse auf. Mein Bruder sagte mal: „Jedes Gesicht hat eine Geschichte“. Lesen wir die wahren Bücher des Lebens.

Meine Name ist Esragül Schönast und dieser Name erzählt einen Teil meiner Geschichte …

4 Kommentare

  1. Was für eine wunderschöne Geschichte , mir kamen die Tränen . Esragül Schönast ich bin durch Zufall auf dich gestoßen , aber ich bin jetzt schon dein Fan .

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